Stadtwächter Arthur

«Ich liebe dich mehr als meinen silbernen Kamm», scherzte Adelheid zu Arthur. «Und ich werde dich beschützen, so wie ich meine Stadt beschütze», entgegnete der Stadtwächter. «So wie vorgestern, als du bei der Brandwache eingeschlafen bist?», neckte ihn Adelheid. Er begann sie zu kitzeln. Sie wälzten sich im Gras. Darauf streifte ihr Arthur sanft ein grünes Buchenblatt aus den hellen Haaren. Die beiden küssten sich. Adelheid und Arthur. Ihre Liebe war gross und echt.

Und sie war verboten. Niemals würde Adelheids mächtiger Vater einer Ehe seiner ältesten Tochter mit einem einfachen Stadtwächter zustimmen. Doch an diesem Nachmittag wartete Adelheid mit einer Überraschung auf. «Ich habe mit dem Pfarrer aus Suhr gesprochen. Er ist bereit, uns zu vermählen. Ohne Zustimmung meiner Eltern. Er glaubt an unsere Liebe. Zudem war ich ihm bei der Kollekte behilflich…". Und so nahm das Unheil seinen Lauf.

Als Adelheid ihrem Vater am Tag nach der Hochzeit von Ihrem Glück erzählte, wurde dieser fuchsteufelswild. Sofort bestellte er den Stadtpfarrer von Aarau ein, um die Ehe zu annullieren. Er glaube nicht an diese Liebe. Zudem erwähnte er eine grosszügige Gabe in den Kollektentopf. Der Pfarrer sah sich im Stande die Vermählung für ungültig zu erklären. Für den Trennungsakt sollen sich die beiden Sünder am Folgetag in der Kirche einfinden und die Eheringe mitbringen. Nur kurz durften sich Adelheid und Arthur an diesen Abend sprechen. Als Arthur zärtlich Adelheids Hand berührte Griff der Vater ein und zerrte sie weg. Erst beim Einschlafen bemerkte Adelheid den fehlenden Ehering.

Ungeduldig schritt Adelheids Vater den Kreuzgang rauf und runter. Arthurs Ankunft verzögerte sich. Endlich gierte die Tür und die stattliche Silhouette des Stadtwächters war im Lichte der Türöffnung zu erkennen. Er trat mit sicheren Schritten auf Adelheids Vater zur. «Mit Verlaub mein Herr, ich liebe Ihre Tochter und will mit ihr für immer verheiratet bleiben.» «Die Ringe!», forderte der Adlige ohne auf des Stadtwächters Worte zu hören. «Sie wissen sicherlich, dass heute zum ersten Mal in Aarau eine Glocke gegossen wird?», fragte der Stadtwächter. «Was hat das damit zu tun? Die Ringe, sofort!», antwortete Adelheids Vater schroff. «Unsere Eheringe wurden mitgegossen. Sie sind nun Teil der Glocke Barbara für die Kathedrale in Fribourg. Für immer. Fusa sum Arow.» «Zu Aarau gegossen» übersetzte der Pfarrer die lateinische Inschrift der Glocke.

Unter diesen Umständen sah sich der Pfarrer ausser Stande die Ehe für ungültig zu erklären. Arthur und Adelheid blieben verheiratet und liebten sich zeitlebens. Erst Jahre später schlossen Adelheids Vater und der Stadtwächter bei einem kühlen Bier Frieden. In Aarau werden bis heute Glocken gegossen. In der über 600 Jahre alten Glockengiesserei. Auch die Glocke Barbara erklingt noch heute allabendlich um viertel nach zehn in Fribourg. Sie läutet für die armen Seelen und Verirrten. Und sie läutet für die ewige Liebe von Adelheid und Arthur.

Zum Bier...